Traditionsgemeinschaft Bw Halle P e.V.

Diesellokomotive 298 161-1

Diesellokomotive 298 161-1Das Mitte der 1950er Jahre von der Deutschen Reichsbahn der DDR aufgestellte Diesellokprogramm zur Ablösung der Dampflokomotiven enthielt die V15, V60 und V180. Es fehlte jedoch eine Lok mit etwa 1.000 PS Leistung für den leichten bis mittleren Personen- und Güterzugdienst sowie den schweren Rangierdienst, die die Dampflokomotiven der Baureihen 38, 55, 57, 78 und 93 hätten ersetzen können.

Diese Lücke sollte zunächst durch Importe aus der Sowjetunion geschlossen werden. Als klar wurde, dass die Sowjetunion nicht im Stande sein würde, die Lokomotiven zu liefern, begann man 1963 mit der Entwicklung einer eigenen 1.000 PS - Diesellok, wobei möglichst viele Teile von der V180 Verwendung finden sollten.

Als Ergebnis entstand beim Lokomotivbau „Karl Marx" Babelsberg eine vierachsige Diesellokomotive mit Mittelführerstand und hydraulischer Kraftübertragung. Die Maschine war doppeltraktions- und wendezugfähig. Das erste Baumuster, V100 001, (blaue Lackierung) von 1964 hatte noch den aus der V180 bekannten 900 PS - Motor; das zweite Baumuster von 1965, V100 002,  (rote Lackierung) erhielt bereits den 1.000 PS - Motor Typ 12 KVD 18/21 A-3 vom VEB Motorenwerk Johannistal der späteren Serienlokomotiven. Die beiden Baumuster wurden nicht von der Deutschen Reichsbahn übernommen und später durch einen Großbrand im Raw Cottbus zerstört.

Im Zuge der industriellen Umstrukturierung wurde die Serienproduktion vom VEB LEW "Hans Beimler" Hennigsdorf übernommen. Dort baute man nochmals eine Probelokomotive (V100 003). In ihrer cremefarbenen Lackierung mit grünem Zierstreifen konnte die Maschine 1966 auf der Leipziger Frühjahrsmesse bestaunt werden. Die bei der anschließenden Erprobung gewonnenen Erkenntnisse flossen in die erste Serienlieferung von 40 Maschinen ab dem Jahr 1966 ein. Weitere Verbesserungen erfuhr die nächste Serie von V100 044 bis 173, die ab April 1968 an die DR ausgeliefert wurde. Die beiden als V100 172 und 173 gebauten Maschinen erhielten die Betriebsnummern V100 001 und 002, und ersetzen die Baumuster-Lokomotiven, die bei einem Brand stark beschädigt und anschließend ausgemustert wurden.

Im Jahr 1970 erhielten die Lokomotiven die EDV-Nummern 110 001 bis 171. In jede Bauserie flossen ständig Verbesserungen ein, wobei immer darauf geachtet wurde, dass alle Baugruppen grundsätzlich austauschbar blieben. Parallel zum Baulos V100 104 bis 171 entstand z.B. im Jahre 1969 eine Versuchslokomotive ohne Langsamgang. Das in der ersten Serie verwendete umschaltbare Stufengetriebe entfiel, wodurch die Unterhaltungskosten gesenkt und das Gewicht um eine halbe Tonne reduziert werden konnte. Sie erhielt die Betriebsnummer V100 201 (später 110 201-1). In den Jahren 1970 bis 1978 wurden die Serienlokomotiven mit den Betriebsnummern 110 202-9 bis 110 896-8 an die Deutsche Reichsbahn übergeben. Weiterhin wurden unter der Werksbezeichnung V100.4 zahlreiche Lokomotiven an in- und ausländische Industriebahnen, zum Beispiel in die ČSSR und nach China, geliefert. Insgesamt baute die Firma LEW über 1.100 Lokomotiven der Baureihe V100.

Zwischen 1972 und 1977 erhielten 110 137-7 und 110 457-9 durch Umbau sowie 110 511-3 und 512-1 ab Werk zur Erprobung einen 883 kW-Motor (1.200 PS). Ab 1981 wurden im Raw Stendal insgesamt 494 Maschinen der Baureihe 110 im Rahmen planmäßiger Ausbesserungen durch Einbau eines 1.200 PS - Motors zur Baureihe 112 (ab 1992 BR 202) umgebaut. 1978 erfolgte durch das Raw Stendal bei der 110 203-7 der Einbau eines 1.500 PS - Dieselmotors und eines stärkeren Getriebes; die Lokomotive erhielt die Bezeichnung 112 203-5 (ab 1984 BR 114). 1982 wurde 110 673-1 umgebaut. Sie erhielt einen 1.030 kW - Motor (1.400 PS) und ebenfalls ein stärkeres Getriebe und wurde zunächst als 112 673-9 (ab 1984 Baureihe 114) bezeichnet.

Die Entwicklungsgeschichte der V100 - Familie endet mit der Baureihe 114. Zunächst wurden Motoren mit 1.400 PS (1.029 kW) Nennleistung verbaut, was - entsprechend dem DR-Nummernschema - zur Einordnung in die Baureihe 114 führte. Mit der Verfügbarkeit eines verbesserten Abgasturboladers konnte die Leistung auf 1.500 PS (1.100 kW) erhöht werden und es entstand die Baureihe 115. Als nur noch der 1.500 PS - Motor verbaut wurde, entschloss sich die Deutsche Reichsbahn, die  18 vorhandenen Lokomotiven der BR 115 der Baureihe 114 anzugliedern. So verschwand die Baureihenbezeichnung 115 wieder. Insgesamt wurden zwischen 1983 und 1991 im Raw Stendal 65 Lokomotiven zur BR 114 umgebaut.

Modifizierte Varianten der Baureihe 110 für den Rangier- und Güterzugdienst stellte die Firma LEW für einheimische Industriebetriebe sowie für den Export her. In den Jahren 1981/82  übernahm die Deutsche Reichsbahn 37 dieser nur 65 km/h schnellen Maschinen als Baureihe 111 (ab 1992 BR 293).

Bereits vor Beschaffung der Baureihe 111 wurden im Jahr 1978 im Raw Stendal in die Maschinen 110 156-7 und 110 161-7 neu entwickelte Strömungswendegetriebe sowie eine Auf- Ab- Steuerung eingebaut. Sie erhielten die neue Baureihenbezeichnung 108 (ab 1992 BR 298). Die beim anschließenden Langzeitversuch gewonnenen Erfahrungen sollten eigentlich in eine vorgesehene Neubaulokomotive einfließen. Dazu kam es aber nicht; stattdessen wurde die vorhandene BR 108 nochmals grundlegend überarbeitet. Anschließend erfolgte in den Jahren 1992 / 1993 die Umrüstung  von 43 Maschinen der Baureihen 293 bzw. 201.0-1 zur neuen Baureihe 298. Ab Juni 1997 wurden alle Maschinen mit automatischen Rangierkupplungen und Funkfernsteuerung ausgerüstet.

Weiterhin wurden im Jahr 1981 ab der Loknummer 110 961-0 zehn Lokomotiven  gebaut, die über einen Nebenantrieb im vorderen Vorbau verfügten. Diese Maschinen dienten zum Antrieb von Grabenräumeinheiten und Hochleistungsschneefräsen. Sie gehörten nicht zum Betriebsbestand der DR, sondern wurden den Oberbauwerken zugeordnet und ab 1992 als Baureihe 710 bezeichnet.

Ende der 1980er Jahre konstruierte man im Raw Stendal dreiachsige Drehgestelle für 1.000 mm Spurweite. In den Jahren 1988 bis 1990 wurden insgesamt 10 Maschinen der BR 110 damit ausgerüstet und an die Harzer Schmalspurbahnen ausgeliefert.

Bei der Baureihe 203 handelt es sich um umgebaute Lokomotiven der Baureihe 112, die mit Motoren von Caterpillar oder MTU mit bis zu 1.380 kW (1.877 PS) ausgerüstet wurden. Der Umbau erfolgte bei der Firma Alstom in Stendal (früher Raw Stendal); die Lokomotiven können gekauft, geleast oder gemietet werden.

Die 298 161-1 wurde am 01.12.1969 unter der Fabriknummer 12462 abgenommen und am 04.12.1069 als V100 161 im Bw Halle G in Dienst gestellt. Im Juni 1970 erfolgte die Umzeichnung in 110 161-7. Ab 1978 diente diese Maschine sowie die 110 156-7 als Erprobungsträger für ein neuartiges Reversionsgetriebe. Das verwendete Strömungswendegetriebe vom Typ GS 20-20/4,8 ermöglichte eine einfachere Bedienung und schnellere Rangierbewegungen durch Fahrtrichtungswechsel im Auslauf. Außerdem erreichte man durch das hydrodynamische Bremsen eine starke Verringerung des Bremssohlen- und Radreifenverschleißes. Als Dieselmotor kam die Bauart 12 KVD 21 AL4 zum Einsatz, wobei die Motorleistung auf 588 kW gedrosselt wurde. Der Fahrschalter wurde auf stufenlose Drehzahlsteuerung umgebaut, so dass feinfühliges Fahren und hydrodynamisches Bremsen möglich waren. Die Höchstgeschwindigkeit der Lokomotive betrug im Schnellgang 44 km/h und im Langsamgang 22 km/h. Anstelle des Heizkessels wurden vier Getriebeölwärmetauscher eingebaut. Während der Erprobungszeit war die Lokomotive zeitweise als 108 002-7 beschriftet. Zum 01.01.1985 erfolgte die Umzeichnung in 108 161-1. Am 01.01.1992 fand die letzte Umzeichnung in 298 161-1 statt. Im Rahmen einer V7-Instandhaltung wurde die Maschine im Herbst des Jahres 1992 auf den Serienstand der BR 298 umgebaut. Im November 1997 erhielt sie eine Funkfernsteuerung.

298 161-1 war seit ihrer Indienststellung bis zum September 1994 im Bw Halle G beheimatet. Danach folgten unter anderem die Standorte Berlin-Pankow, Cottbus und Senftenberg. Mit Fristablauf am 19.12.2008 wurde die Maschine z-gestellt und am 07.01.2009 endgültig ausgemustert.